MaerzMusik Festival für Zeitfragen 2017


MaerzMusik Festival für Zeitfragen 2017
Vom 16. bis 26. März veranstalten die Berliner Festspiele in diesem Jahr MaerzMusik – Festival für Zeitfragen. In seiner dritten Ausgabe setzt der künstlerische Leiter Berno Odo Polzer in zehn komponierten Festivalabenden die Beschäftigung mit dem Phänomen Zeit fort.

Bei MaerzMusik 2017 werden Arbeiten der Komponist*innen
Catherine Christer Hennix, Julius Eastman, Eva Reiter, Jennifer Walshe, Alvin Lucier, Gérard Grisey, Georg Friedrich Haas, Arthur Kampela, Helmut Lachenmann, Liza Lim, Kara Lis-Coverdale, Daniel Moreira, Enno Poppe, Ana Maria Rodriguez, Chiyoko Szlavnics, Chris Watson u.v.a. präsentiert. Zentral sind dabei die Projekte der zum Festival geladenen Ensembles: Ictus Ensemble aus Belgien, Les Percussions de Strasbourg, Ensemble Modern, KNM Berlin sowie Arditti Quartett und Sonar Quartett.
Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Zeit ist dieses Jahr geprägt von politischen Aspekten wie Rassismus, Gender und Kolonisierung und geht Fragen der Normativität künstlerischer Praktiken und klanglicher Immersion nach. Außerdem werden in verschiedenen Formaten Themen wie Story-Telling, Erinnerungskultur Science Fiction und Mystizismus reflektiert. Die Konzerte, Performances, Installationen,
Filmpräsentationen, Diskursveranstaltungen und Ausstellungen bieten dabei einen jeweils spezifischen Zugang zu den unterschiedlichen
Fragestellungen.

Julius Eastman composing
© Donald W. Burkhardt


DECOLONIZING TIME
von Berno Odo Polzer

Im März 2015, während der ersten Ausgabe dieses „Festival für
Zeitfragen“, hätten nur wenige die grundsätzliche Stabilität westlicher Demokratien
bezweifelt. Die Europäische Union schien „too big to fail“. „Flüchtlingskrise“
war kein vertrauter Begriff auf dem Kontinent und Terroranschläge waren eine
Ausnahmeerscheinung, zumindest für eine Mehrheit der Europäer*innen, die in
der Annahme schlummerte, dass ihre Festung der Privilegien sich selbst erhalten
würde, uneinnehmbar und sicher sei.
In der Ausgabe vom März 2016 standen „Faktentreue“ und „Politik“ in
gewohntem Spannungsverhältnis zueinander. Der Begriff „postfaktische Politik“
– „post-truth politics“ –, der von Oxford Dictionaries zum Wort dieses Jahres
gekrönt wurde, kam nur wenigen bekannt vor und ließ noch nicht die Alarmglocken
schrillen, die dann der Brexit und die US-Präsidentenwahlen ausgelöst haben.
Zwei wahllose Jahre, die mit den ersten beiden Ausgaben von
MaerzMusik – Festival für Zeitfragen zusammenfallen. Zwei Jahre, die lange
genug waren, um eine merklich andere Welt hervorzubringen. Einst, so sagt man,
wurden Festivals gefeiert, um die Zeit zu markieren und ihr zu trotzen – Festivals
waren Maßeinheiten für Veränderung, Gefäße des kollektiven Bewusstseins und
Gedächtnisses, Gelegenheiten der Selbstvergewisserung einer Gemeinschaft.
Heute ist es verlockend, diesen scheinbar weit hergeholten Ansatz wieder in
Betracht zu ziehen. Denn eine Frage bleibt offen und erscheint wichtiger denn
je: Was kann ein Festival – und ich würde hinzufügen: Was kann ein Festival, das
inmitten Europas verortet ist, – heute sein? Wie kann es sich verhalten angesichts
der Gewalt, Degradierung, Instabilität und Angst, die „uns“ umgibt? Wie kann
es ein neues „Uns“ reflektieren, zur Sprache bringen und beheimaten, das im
Zuge der rasanten Neuordnung lokaler und globaler Verhältnisse entsteht?
Wie kann ein Festival der Tatsache gerecht werden, dass es ein öffentlicher,
gemeinschaftlicher und dadurch politischer Raum ist?
MaerzMusik 2017 gibt keine Antwort, sondern ist eher der Versuch,
solche Fragen zu stellen: mit den Mitteln eines Festivals, das im Hören verwurzelt
ist, das Konzerten, Performances, Installationen, Filmpräsentationen, Diskurs und
Ausstellungen Zeit und Raum gibt. Die zehn komponierten Abende, aus denen
MaerzMusik besteht, reflektieren Anliegen, die mit dem Leben der Gegenwart zu
tun haben – künstlerische Anliegen insbesonders. In chronologischer Reihenfolge
beschäftigen sie sich mit klanglicher Immersion, Marginalisierung, Rassismus,
Homophobie, Kolonisierung, Psychogrammen westlicher Gesellschaften, der
Normativität künstlerischer Praktiken, Gender, Umwelt- und Finanzkrisen,
Ungleichheit, spekulativer Geschichtsschreibung, Gedächtniskulturen,
Science Fiction, spekulativer Narration, „multispecies feminism”, Mystizismus,
Kollektivität, Befreiung, Spiritualität und der Wahrnehmung von Zeit, um nur
die wichtigsten zu nennen. Gleichzeitig bilden die im Festival präsentierten
künstlerischen Arbeiten ihre jeweils eigene Welt. Unabhängig von ihrer
kuratorischen Kontextualisierung stehen und sprechen sie für sich und sind offen
für alle möglichen Wahrnehmungsweisen und Lesarten.


PRE-OPENING

© Laura Gianetti

 

 

 

 

 

 

Catherine Christer Hennix
Catherine Christer Hennix © Salih Demirtas
Das diesjährige Festival startet am 16. März
mit einem Pre-Opening und zeigt eine Rarität:
die Neurealisierung von Catherine Christer
Hennix‘ „The Electric Harpsichord“
aus dem Jahr 1976. Dieser Abend im silent green
Kulturquartier ist zugleich die Einweihung
des für sechs Tage installierten Projektraums
„Kalam-i-Nur“, der der immersiven Klangpraxis
der schwedischen Klangkünstlerin, Philosophin
und Mathematikerin gewidmet ist.


Berliner Festspiele
Berliner Festspiele
MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2017
MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2017
PRE-OPENING
Catherine Christer Hennix
Catherine Christer Hennix
(geboren 1948) ist eine
Schwedisch-Amerikanische Komponistin, Klangkünstlerin, Lyrikerin,
Philosophin, Mathematikerin und bildende Künstlerin, die eng mit der
Minimal Music verbunden ist. Hennix begann in den 60er Jahren mit
Studien zur Musik von Iannis Xenakis und Karlheinz Stockhausen. 1970
traf sie beim „Nuits du Fondation Maeght” Festival La Monte Young
und Hindustan Raga Meister Pandit Pran Nath und setzte bei beiden
ihre Studien fort. Weitere Inspirationsquellen waren die Japanische
Gagaku Musik sowie die Vokalmusik der Frührennaissance von Leonin
und Perotin. Hennix arbeitete zusammen mit dem Amerikanischen
Anti-Art Philosophen, Komponisten und Geiger Henry Flynt und trat als
Schlagzeugerin mit den Jazzmusikern Don Cherry und Joe Lovano auf.
In den späten 70er Jahren war Hennix beteiligt am MIT’s AI Lab und
dann angestellt als Professorin für Mathematik am Lifetime Learning
Institute – SUNY New Paltz. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Veranstaltungen:
Donnerstag, 16. März, 20:00 Uhr
silent green Kulturquartier, Kuppelhalle
Konzert „The Electric Harpsichord“ (1976/2017) UA
Samstag, 18. März, 18:30 – 19:30 Uhr
Haus der Berliner Festspiele
Gespräch mit Catherine Christer Hennix
Mittwoch, 22. März, 20:00 Uhr
silent green Kulturquartier, Kuppelhalle
Konzert „Raag Surah Shruti“
17. – 21.März, 16:00 – 24:00 Uhr
silent green Kulturquartier
Installation „Kalam-i-Nur“
Samstag, 26. März, 18:00 Uhr – Sonntag, 27. März 24:00 Uhr
Kraftwerk Berlin „The Long Now“
Konzert „For Brass and Computer“


ERÖFFNUNG
Die Eröffnung im Haus der Berliner Festspiele
findet am 17. März mit einem zweiteiligen
Abend statt:

© unbekannt
Julius Eastman laughing

 

 

 

 

 

der in Vergessenheit geratene
amerikanische Komponist, Pianist und Vokalist
Julius Eastman
(1940-1990) steht im Zentrum
des ersten Konzertteils. Zu erleben sind drei
seiner Werke für vier Klaviere – eine überfällige
Wiederentdeckung. Im zweiten Teil wird der
Komponist und Schlagzeuger
Uriel Barthélémi
die Solo-Performance „The Unbreathing“ für
Drum Set, Elektronik und Video mit Texten des
ägyptischen Künstlers
Hassan Khan
und mit
Illustrationen nach Bildern von Frantz Fanon
von
Elise Boual
uraufführen.


Berliner Festspiele
Berliner Festspiele
MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2017
MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2017
ERÖFFNUNG
ERÖFFNUNG

Donnerstag, 17. März, 20:00 Uhr
Haus der Berliner Festspiele
Teil 1
Julius Eastman
Evil Nigger
für vier Klaviere (1979) DE
Gay Guerilla
für vier Klaviere (1979)
Crazy Nigger
für vier Klaviere (1978) DE
Ernst Surberg, Christoph Grund, Julie Sassoon,
Małgorzata Walentynovicz, Klavier
Teil 2
Uriel Barthélémi
The Unbreathing
für Drum Set, Elektronik und Video (2017) UA
Uriel Barthélémi Konzept, Performance, Programmierung
Hassan Khan Text
Elise Boual Illustrationen
Auftragswerk von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen
Produktion: Anne Becker – Bureau PLATÔ

American Composer: Julius Eastman
By Kyle Gann
In 1973, Nonesuch records issued a recording of Peter
Maxwell Davies’s avant-garde work
Eight Songs for a Mad King
. Based
on the intermittent insanity of King George III, the piece featured a
stunningly histrionic vocal technique over an awesome range, achieved
by an unknown name: Julius Eastman. Over the next few years,
Eastman’s name would crop up occasionally, in connection with the
Creative Associates new music group at SUNY at Buffalo, associated
with Lukas Foss and Morton Feldman, and touring with Petr Kotík’s
SEM ensemble. Eastman was a phenomenal singer with an outrageous ..

Berliner Festspiele
Berliner Festspiele
MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2017
ERÖFFNUNG
MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2017
Weitere Veranstaltungen:
Dokumentationsraum
SAVVY Contemporary / silent green Kulturquartier
Eröffnung 16. März, 19:00 Uhr
17. – 26. März, 14:00 – 19:00 Uhr
Diskurs & Sound Performance
Let Sonorities Ring – Julius Eastman
Von 17. bis 26. März wird SAVVY Contemporary zu einem
Dokumentationsraum, der eine Begegnung mit dem OEuvre von Julius
Eastman (1940 – 1990) ermöglicht. Archivmaterialien, historische
Tondokumente, Videos und Partituren werden öffentlich zugänglich
gemacht und an zwei Abenden mit Live Acts kommentiert, um den Blick
auf Eastman imaginativ zu erweitern und zu vertiefen. Mit „Let Sonorities
Ring“ beginnt ein einjähriges Recherche-Projekt über Leben und Arbeit
des fast vergessenen afroamerikanischen Komponisten, Vokalisten
und Performers, das mi mit einer Ausstellung und einer „Festschrift Julius
Eastman“ enden soll.

Ictus Ensemble
© Markus Sepperer


Das Brüsseler
Ensemble Ictus
wird mit der österreichischen
Komponistin und Solistin
Eva Reiter
ihr einstündiges
Konzertstück „The Lichtenberg Figures“ realisieren.
Graindelavoix
, das belgische Gesangsensemble, das eine
geradezu archäologische und politische Herangehensweise
auszeichnet, interpretiert Werke des unbekannten
Komponisten
Jean Hanelle
(ca. 1380 – ca. 1436).


Ensemble KNM Berlin
© Anja Weber
Ensemble KNM Berlin

Das Kammerensemble Neue Musik Berlin
präsentiert mit
Musiker*innen der südindischen Metropole Chennai und
dem Komponisten und Sänger
Ramesh Vinayakam
einen
Abend, der sich zwischen oralen und schriftbasierten
Kulturen, unterschiedlichen Formen des Lernens, der
Tradition und der Moderne bewegt. Das
Ensemble
Modern
beschäftigt sich in seinem aktuellen Projekt mit
der faszinierenden Figur des nach Brasilien emigrierten
Komponisten, Instrumentenbauers und Künstlers
Walter
Smetak
(1913–1984).


Les Percussions de Strasbourg
© Keuj
Les Percussions de Strasbourg

Das Schlagwerkensemble
Les
Percussions de Strasbourg
bringt eine der zentralen
Arbeiten des französischen Spektralisten
Gérard Grisey
nach Berlin: „Le Noir de l‘Étoile“ für sechs räumlich
verteilte Schlagzeuger, Tonband und Sprecher wird in der Parochialkirche realisiert.

<hr />

STREICHQUARTETT

Arditti Quartet
© Astrid Karger
Ein weiteres Projekt von MaerzMusik 2017 ist ein
Abend mit dem
Arditti Quartett
und
Jennifer
Walshe
als Performerin, der mit ihrer Arbeit
„Everything is important” und Werken von
Peter Ablinger
und
Georg Friedrich Haas
die
Grenzen der Gattung Streichquartett auslotet.
Jennifer Walshe ist außerdem mit ihrer ersten
Filmarbeit „An Gléacht“
zu Gast, die live von
der irischen Komponistin und Performerin
sowie
Tomomi Adachi,
Chris Heenan
und
Mario
De Vega
begleitet wird. In zwei Programmen
und einer Diskussionsrunde spürt das
Sonar
Quartett
anlässlich seines 10. Jubiläums dem
Begriff „Utopie” nach.

 

 


Sonar Quartett
© Piotr Bialoglowicz
Sonar Quartett


Mit

Alvin Lucier
ist einer der prominenten
Vertreter der amerikanischen Avantgarde beim
Festival zu Gast. Wichtige Eckpunkte seiner
Arbeit werden an
vier Abenden
präsentiert,
darunter die Uraufführung einer neuen Version
des Raumstücks
„Clocker“
und die Performance
„I am sitting in a room“
im 30-Stunden
Abschluss-Event „The Long Now“ im Kraftwerk
Berlin.

Alvin Lucier
Portrait, 1999
© Michael Schroeater